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Edouard Schuré – »Die grossen Eingeweihten« – 1889

– (Geheimlehre der Religionen) –

 

– Einführung in die Esoterische Lehre –

 

Das größte Übel unserer Zeit ist, dass Wissenschaft und Religion sich wie zwei feindliche, unversöhnliche Mächte gegenüberstehen. Dieses intellektuelle Übel ist um so schädlicher, als es von oben kommt und sich leise und sicher in alle Geister hineinschleicht, wie ein subtiles Gift, das man mit der Luft einatmet. Jedes intellektuelle Übel wird aber bald ein seelisches und deshalb ein soziales.

 

Aber seitdem die Kirche angesichts der Einwendungen der Wissenschaft ihr uraltes Dogma nicht mehr beweisen kann und sich in ihm wie in einem fensterlosen Hause einschließt, der Vernunft den Glauben entgegensetzend, wie ein undiskutierbares und absolutes Gebot; seitdem die Wissenschaft, berauscht von ihren Entdeckungen in der physischen Welt, gänzlich von der psychischen und geistigen Welt absieht und in ihrer Methode agnostisch, in ihren Grundsätzen und Schlußfolgerungen materialistisch geworden ist; seitdem die Philosophie, richtungslos und ohnmächtig zwischen beiden stehend, in gewissem Sinne ihren Rechten entsagt hat, um in transzendenten Skeptizismus zu verfallen, seitdem ist ein tiefer Riss in der Seele der Gesellschaft wie in denjenigen der Individuen entstanden. Dieser Konflikt, der zuerst notwendig und nützlich war, weil er die Rechte der Vernunft und der Wissenschaft feststellte, wurde zuletzt eine Ursache der Ohnmacht und Lähmung. Die Religion entspricht den Anforderungen des Herzens, deshalb ihr ewiger Zauber; die Wissenschaft denjenigen des Verstandes, deshalb ihre unbesiegbare Kraft. Doch seit langem können diese Mächte sich nicht mehr verstehen. Die Religion ohne Beweise und die Wissenschaft ohne Hoffnung stehen sich gegenüber und fordern einander in die Schranken, ohne sich besiegen zu können

 

Das wissenschaftliche und das religiöse Bedürfnis

 

Daher ein tiefer Widerspruch, ein verborgener Krieg, nicht nur zwischen dem Staat und der Kirche, sondern auch in der Wissenschaft selbst, im Herzen aller Kirchen, und bis in die Gewissen aller denkenden Individuen hinein. Denn, wer wir auch seien, welcher philosophischen, ästhetischen und sozialen Schule wir auch zugehören, wir tragen in uns diese zwei feindlichen, dem Scheine nach unversöhnlichen Welten, die aus zwei unzerstörbaren Bedürfnissen des Menschen heraus geboren sind: dem wissenschaftlichen und dem religiösen Bedürfnis. Dieser Zustand, der seit mehr als hundert Jahren dauert, hat gewiss nicht wenig dazu beigetragen, die menschlichen Fähigkeiten durch äußerste Anspannung zu entwickeln. Er hat der Dichtung und der Musik Töne eines grandiosen Pathos entlockt. Heute aber hat die allzu lang dauernde und straffe Spannung die entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen. So wie bei einem Kranken auf das Fieber die Mattigkeit folgt, so hat sie sich in geistige Entkräftung, in Ekel, in Ohnmacht gewandelt. Die Wissenschaft beschäftigt sich nur mit der physischen und materiellen Welt; die moderne Philosophie hat die Führung der Geister verloren, die Religion herrscht noch bis zu einem gewissen Sinne über die Massen, aber nicht mehr auf den sozialen Gipfeln; immer noch groß durch werktätige Liebe, strahlt sie nicht mehr durch die Kraft des Glaubens. Die geistigen Leiter unserer Zeit sind durchaus ehrliche und loyale Ungläubige und Skeptiker. Aber sie zweifeln an ihrem Können und blicken sich lächelnd an wie römische Auguren. In der Öffentlichkeit, im privaten Leben verkünden sie soziale Katastrophen, ohne ein Gegenmittel zu finden, und hüllen ihre dunklen Weissagungen in beschönigende Ausdrücke ein. Unter solchem Einfluss haben die Literatur und die Kunst den Sinn für das Göttliche verloren. Der ewigen Horizonte bar, ist ein großer Teil der Jugend untergetaucht in das, was seine neuen Lehrer den Naturalismus nennen, damit den schönen Namen der Natur herabwürdigend. Denn was sie mit diesem Namen schmücken, ist nichts als die Apologie der niederen Instinkte, der Schmutz des Lasters oder die gefällige Ausmalung unserer sozialen Flachheiten; mit einem Worte, die systematische Verneinung der Seele und des Geistes. Und die arme Psyche, die ihre Flügel verloren hat, stöhnt und seufzt seltsam im Innersten selbst derjenigen, die sie schmähen und verleugnen.

 

»An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen«


»An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen«, sagt Jesus. Dieses Wort des Meisters aller Meister lässt sich ebensogut auf Lehren wie auf Menschen anwenden. Ja, dieser Gedanke drängt sich auf: entweder ist die Wahrheit auf immer dem Menschen unerreichbar oder sie war bis zu einem hohen Maß Besitz der großen Weisen und ersten Eingeweihten der Erde. Sie ist also in allen großen Religionen und heiligen Büchern der Völker enthalten. Nur muss man sie da entdecken und ans Licht bringen.

 

Alle großen Religionen haben eine äußere und eine innere Geschichte: die eine offenbar, die andere verborgen. Durch die äußere Geschichte erschließen sich die in den Tempeln und Schulen öffentlich gelehrten, vom Kultus und dem Volksaberglauben anerkannten Dogmen und Mythen. Durch die innere Geschichte erschließen sich die tiefe Wissenschaft, die geheime Weisheit, das verborgene Wirken der großen Eingeweihten, der Propheten und Reformatoren, die diese Religionen geschaffen, gestützt und verbreitet haben. Die erste, die äußere Geschichte, die überall gelesen wird, geht am hellen Tage vor sich; sie ist nichtsdestoweniger dunkel, verworren, widerspruchsvoll. Die zweite, die ich die esoterische Tradition oder die Mysterienlehre nenne, ist sehr schwer aus der ersten zu entwirren. Denn sie verläuft im Inneren der Tempel, in den geheimen Brüderschaften, und ihre ergreifendsten Dramen spielen sich ganz ab in den Seelen der großen Propheten, die keinem Pergament und keinem Jünger ihre höchsten Kämpfe, ihre göttlichen Ekstasen anvertraut haben. Man muss ihre Rätsel lösen. Sieht man sie aber einmal, erscheint sie lichtvoll, organisch und immer in Harmonie mit sich selbst. Man könnte sie auch die Geschichte der ewigen, universellen Religion nennen. Sie zeigt uns das Innere der Dinge, die Lichtseite des menschlichen Bewusstseins, während die Geschichte uns nur dessen Außenseite zeigt. Dort finden wir den schöpferischen Keimpunkt von Religion und Philosophie, welche am andern Ende der Ellipse in der ungeteilten Wissenschaft sich wieder vereinigen. Es ist der Punkt, der den übersinnlichen Wahrheiten entspricht. Wir finden hier die Ursache, den Ursprung und das Endziel der ungeheuren Arbeit der Jahrhunderte, die Weltenlenkung in ihren irdischen Sendboten. Diese Geschichte ist die einzige, mit der ich mich in diesem Buche beschäftigt habe.

 

Theosophie – eine Universalwissenschaft

 

Die uralte, in Indien, Ägypten und Griechenland gelehrte Theosophie bildet eine Universalwissenschaft, die gewöhnlich in vier Abteilungen geteilt wurde: 1. Die Theogonie oder die Wissenschaft der absoluten Prinzipien, identisch mit der auf das Universum angewandten Wissenschaft der Zahlen oder der heiligen Mathematik; 2. die Kosmogonie, Realisation der ewigen Prinzipien in der Zeit und dem Raume, oder die Involution des Geistes in die Materie, Weltenperioden; 3. die Psychologie, Aufbau des Menschen, Evolution der Seele durch die Daseinsketten; 4. die Physik, Wissenschaft der irdischen Naturreiche und ihrer Eigenschaften.

 

In diesen verschiedenen Wissenschaften verbanden und kontrollierten sich gegenseitig die induktive und die experimentelle Methode, und jeder derselben entsprach eine Kunst. Es waren, wenn wir die Reihenfolge umkehren und von der Physik aufsteigen: 1. eine besondere Medizin, auf Kenntnis okkulter Eigenschaften der Mineralien, Pflanzen und Tiere beruhend; die Alchemie oder Umbildung der Metalle, Desintegration und Reintegration der Materie durch das universelle Agens, eine im alten Ägypten ausgeübte Kunst, von ihm Chrysopöe und Argyropöe genannt, Fabrikation des Goldes und des Silbers; 2. die den Seelenkräften entsprechenden psychurgischen Künste: Magie und Wahrsagung; 3. die Astrologie, oder die Kunst, den Zusammenhang zu finden zwischen den Schicksalen von Völkern und Individuen, und den Bewegungen des Universums, entsprechend den Bahnen der Sterne; 4. die Theurgie, die höchste Kunst des Magiers, ebenso so selten als gefährlich und schwer, bestehend im bewussten Verkehr mit den verschiedenen Graden der Geister und in der Gewalt über sie.

 

Eine subtile und unwägbare Materie

 

Das Erstaunen wächst, wenn man, zu den modernen Wissenschaften zurückkehrend, feststellen muss, dass seit Bacon und Descartes sie unwillkürlich, aber um so sicherer dem Grundgedanken der uralten Theosophie sich nähern. Ohne die Hypothese der Atome zu verlassen, ist die moderne Physik unmerklich dazu gekommen, den Gedanken der Materie mit dem Gedanken der Kraft zu identifizieren, was einen Schritt zum geistigen Dynamismus hin bedeutet. Um das Licht, den Magnetismus, die Elektrizität zu erklären, haben die Gelehrten eine subtile und durchaus unwägbare Materie annehmen müssen, die den Raum erfüllt und alle Körper durchdringt, was ein Schritt ist zur uralten theosophischen Idee der Weltenseele. Die Eindrucksfähigkeit hingegen, die intelligente Fügsamkeit dieser Materie ergibt sich aus einem vor kurzem erprobten Experiment, das die Möglichkeit der Übertragung des Tones durch das Licht beweist.

 

Von allen Wissenschaften scheinen vergleichende Zoologie und Anthropologie am meisten dem Spiritualismus zu widersprechen. In Wirklichkeit können sie ihm dienen, denn sie zeigen, durch welches Gesetz und in welcher Art die geistige Welt in der tierischen ihren Ausdruck findet. Darwin hat aufgeräumt mit der kindlichen Idee einer Schöpfung im Sinne der primitiven Theologie. Er ist in dieser Beziehung nur zu den Ideen der uralten Theosophie zurückgekehrt. Pythagoras schon hatte gesagt: »Der Mensch ist dem Tiere verwandt.« Darwin hat die Gesetze gezeigt, denen die Natur gehorcht, um den göttlichen Plan auszuführen, die werktätigen Gesetze, die uns entgegentreten als: Kampf ums Dasein, Vererbung und natürliche Zuchtwahl. Er hat die Veränderlichkeit der Arten bewiesen, ihre Anzahl beschränkt, ihren Maßstab festgestellt. Aber seine Jünger, die Theoretiker einer absoluten Umbildung der Arten durch Zuchtwahl, die alle Arten aus einem einzigen Urbild hervorgehen lassen und ihr Erscheinen nur von dem Einfluss der Umgebung abhängig machen wollen: sie haben den Tatsachen Gewalt angetan zugunsten einer rein äußerlichen und materialistischen Auffassung der Natur. Nein, die Umgebung erklärt nicht die Art, ebensowenig wie die physischen Gesetze chemische erklären, ebensowenig wie die Chemie das Evolutionsprinzip der Pflanze und dieses das Evolutionsprinzip der Tiere erklärt. Die großen Tiergattungen hingegen entsprechen den ewigen Urbildern des Lebens, sind Signaturen (Siegelabdrücke) des Geistes in der Stufenfolge des Bewusstseins. Die Erscheinung der Säugetiere nach den Reptilien und den Vögeln hat nicht ihren Daseinsgrund in einer Änderung der irdischen Umgebung; diese liefert nur die Bedingungen. Sie setzt eine neue Embryogenie voraus; folglich eine neue intellektuelle und seelische Kraft, die aus dem Inneren und den Tiefen der Natur heraus wirkt, die wir, im Hinblick auf unsere Sinneswahrnehmung, das »Jenseits« nennen. Ohne diese intellektuelle und seelische Kraft wäre nicht einmal das Auftreten einer einzigen organisierten Zelle in der unorganischen Welt erklärbar. Der Mensch zuletzt, der die Reihe der Wesen zusammenfasst und krönt, offenbart den ganzen göttlichen Gedanken durch die Harmonie seiner Organe und die Vollendung seiner Form, er ist das lebendige Bildnis der universellen Seele, der tätigen Geisteskraft. Indem er in seinem Körper alle Gesetze der Entwicklung und die ganze Natur gedrängt zusammenfasst, beherrscht er sie und erhebt sich über sie, um auf dem Wege des Bewusstseins und der Freiheit in das unendliche Reich des Geistes zu dringen.

 

Man wagt nicht mehr sein Leben, aber man wagt seinen Ruf

 

Die auf die Physiologie sich stützende experimentelle Psychologie, die seit dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wieder danach strebt, eine Wissenschaft zu werden, hat die modernen Gelehrten bis zur Schwelle einer anderen Welt geführt, der wahren Welt der Seele, wo neue Gesetze herrschen, ohne dass die Analogien aufhören. Ich meine damit die Studien und die medizinischen Feststellungen unseres Jahrhunderts über den tierischen »Magnetismus«, den »Somnambulismus« und alle jene vom Wachzustand sich unterscheidenden Seelenstadien, angefangen vom Traumschlaf, durch das Hellsehen, bis zur Ekstase. Die moderne Wissenschaft dringt nur tastend ein in dieses Gebiet, das die Wissenschaft der alten Tempel beherrschte, weil ihr deren Grundsätze und nötige Schlüssel zu Gebote standen. Nichtsdestoweniger hat sie eine Reihe von Tatsachen entdeckt, die ihr erstaunlich, wunderbar, unbegreiflich scheinen, weil sie rundweg den materialistischen Theorien widersprechen, unter deren Herrschaft man zu denken und zu experimentieren gewohnt war. Nichts ist lehrreicher als die empörte Ungläubigkeit einiger gelehrter Materialisten allen Phänomenen gegenüber, die als Beweise des Bestehens einer unsichtbaren und geistigen Welt gelten dürfen. Heute fordert jemand, der die Seele zu beweisen wagt, den Ärger des orthodoxen Atheismus ebenso heraus wie früher der Gottesleugner den Zorn der orthodoxen Kirche. Man wagt nicht mehr sein Leben, das ist wahr, aber man wagt seinen Ruf. – Wie dem auch sei, das, was sich in dem einfachsten Phänomen mentaler Suggestion auf eine Entfernung hin und kraft des reinen Gedankens ergibt, ist eine Wirkungsart des Geistes und des Willens, jenseits der physischen Gesetze und der sichtbaren Welt. Das Tor zum Unsichtbaren ist also offen. – In den höheren Phänomenen des Somnambulismus öffnet sich diese Welt ganz. Doch ich bleibe hier stehen bei dem, was von der offiziellen Wissenschaft festgestellt ist.

 

Die esoterische Lehre ist nicht nur   e i n e   Wissenschaft

 

Dieser Überblick genügt, um klarzulegen, dass Wissenschaft und moderner Geist, ohne es zu wissen und zu wollen, an einer Wiederherstellung der uralten Theosophie arbeiten, mit Hilfe genauerer Werkzeuge und auf einer solideren Grundlage. Dem Ausspruch Lamartines gemäß ist die Menschheit ein Weber, der von außen am Webstuhl der Zeiten arbeitet. Ein Tag wird kommen, wo sie, auf die andere Seite hinübertretend, das herrliche und grandiose Bild betrachten wird, das sie jahrhundertelang mit eigenen Händen gewebt, ohne etwas anderes gesehen zu haben als das Durcheinander der rückwärts verschlungenen Fäden. An jenem Tage wird sie die in ihr selbst offenbarte Vorsehung grüßen. Dann werden die Worte eines gegenwärtigen hermetischen Schriftstückes ihre Bestätigung finden und denen nicht zu verwegen scheinen, die tief genug in die okkulten Traditionen eingedrungen sind, um ihre wunderbare Einheit zu ahnen: »Die esoterische Lehre ist nicht nur eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Moral, eine Religion. Sie ist die Wissenschaft, die Philosophie, die Moral und die Religion, von welcher alle anderen nur Vorbereitungen oder Entartungen sind, Bruchstücke oder Fälschungen, je nachdem sie zu ihr hinstreben oder von ihr abweichen.«

 

Fern von mir sei der eitle Gedanke, eine vollständige Darlegung dieser höchsten Wissenschaft gegeben zu haben. Dazu gehört nicht weniger als der Gesamtaufbau der bekannten und unbekannten Wissenschaften, wiederhergestellt in ihrem hierarchischen Rahmen und neu organisiert im Sinne des Esoterismus. Was ich hoffe bewiesen zu haben ist, dass die Lehre der Mysterien am Ausgangspunkt unserer Zivilisation steht; dass sie die großen arischen wie auch die großen semitischen Religionen geschaffen hat; dass das Christentum die ganze Menschheit dahin führt durch seinen esoterischen Gehalt und dass die moderne Wissenschaft in der Gesamtheit ihrer Bestrebungen wie durch Vorsehung dahin zielt; dass sie dort endlich wie in einem Hafen einlaufen müssen, um ihre Synthese zu finden.

 

Einzelheiten können sich ändern – die Grundlehre nicht

 

Man kann sagen, daß überall, wo sich irgendein Fragment der esoterischen Lehre findet, es die Möglichkeit des Ganzen in sich schließt. Denn jeder ihrer Teile setzt andere voraus oder erzeugt solche. Die großen Weisen, die wirklichen Propheten haben sie alle besessen, und die Weisen und Propheten der Zukunft werden sie ebenso besitzen. Das Licht kann mehr oder weniger intensiv sein, aber es ist immer dasselbe Licht. Die Form, die Einzelheiten, die Angriffspunkte können sich bis ins Unendliche ändern; der Kern, d. h. die Grundlehren und Endziele niemals. – Nichtsdestoweniger wird man in diesem Buche eine Art allmählicher Entwicklung, fortschreitender Offenbarung der Lehre in ihren verschiedenen Teilen finden, und zwar in den großen Eingeweihten, von denen jeder eine der großen Religionen verkörpert, die für die Beschaffenheit der heutigen Menschheit maßgebend sind. Ihre Reihenfolge gibt die Evolutionslinie an, welche sie im gegenwärtigen Zyklus durchschreitet, seit dem uralten Ägypten und den arischen Zeiten. Man wird sie also nicht aus einer abstrakten und scholastischen Auseinandersetzung hervortreten sehen, sondern aus dem Glanz der Seelen dieser großen Erleuchteten und aus dem lebendigen Wirken der Geschichte.

 

In dieser Reihe zeigt Rama nur den Zugang zum Tempel, Krishna und Hermes geben den Schlüssel dazu. Moses, Orpheus und Pythagoras öffnen uns sein Inneres. Jesus Christus stellt sein Heiligtum dar.

 

Dieses Buch ist ganz entsprungen einer glühenden Sehnsucht nach der höchsten, vollständigen, ewigen Wahrheit, ohne welche die Teilwahrheiten nur Trug sind. Diejenigen werden mich verstehen, die, wie ich, das Bewusstsein davon haben, dass der gegenwärtige Zeitpunkt der Geschichte, mit seinen materiellen Reichtümern, vom Standpunkt der Seele und ihres unsterblichen Sehnens aus, nichts ist als eine traurige Wüste. Die Stunde ist ernst und die äußersten Konsequenzen des Agnostizismus machen sich fühlbar in der sozialen Auflösung. Für Frankreich wie für Europa handelt es sich um Sein oder Nichtsein. Es handelt sich darum, die zentralen, organischen Wahrheiten auf unzerstörbaren Grundlagen festzusetzen oder endgültig in den Abgrund des Materialismus und der Anarchie zu stürzen.

 

Wissenschaft   u n d   Religion

 

Die Wissenschaften und die Religion, diese Hüterinnen der Zivilisation, haben beide ihre höchste Gabe, ihre Magie, verloren, diejenige der großen und starken Erziehung. Die Tempel Indiens und Ägyptens haben die größten Weisen der Erde hervorgebracht. Die griechischen Tempel haben Helden und Dichter gemodelt. Die Apostel Christi waren erhabene Märtyrer und haben ihrer Tausende erzeugt. Die Kirche des Mittelalters hat trotz ihrer primitiven Theologie Heilige und Ritter geschaffen, weil sie glaubte und weil ab und zu der Geist Christi in ihr aufzuckte. Heute können weder die in ihrem Dogma befangene Kirche noch die in der Materie aufgehende Wissenschaft Vollmenschen hervorbringen. Die Kunst, Seelen zu schaffen und zu bilden, ist verlorengegangen und wird nur wiedergefunden werden, wenn die Wissenschaft und die Religion, wieder vereinigt zu einer lebendigen Kraft, gemeinsam und in gegenseitigem Einvernehmen streben werden zum Wohl und Heil der Menschheit. Um dieses zu erreichen, bräuchte die Wissenschaft nicht ihre Methode zu ändern, sondern ihr Gebiet zu erweitern, das Christentum nicht seine Tradition aufzugeben, sondern deren Ursprung, deren Geist und deren Tragweite zu verstehen.

 

Diese Zeit der geistigen Wiedererneuerung und sozialen Umgestaltung wird kommen, davon sind wir überzeugt. Schon deuten sichere Vorzeichen darauf. Wenn die Wissenschaft wahrhaftes Wissen sein wird, dann wird die Religion echtes Können entwickeln, und der Mensch wird handeln mit erneuter Energie. Die Kunst des Lebens und alle Künste können nur durch diesen Ausgleich zu neuem Dasein erwachen.

 

Der Glaube ist nicht der Feind der Vernunft, sondern seine Leuchte

 

Doch was sollen wir tun am Ende dieses Jahrhunderts, das einem Niederstieg in den Abgrund in düsterer Dämmerstunde gleicht, während sein Anfang erschienen war wie ein Aufstieg zu freien Gipfeln bei strahlender Morgenröte? – »Der Glaube«, hat ein großer Gelehrter gesagt, »ist die Kraft des Geistes, die ihn vorwärtsdrängt auf dem Wege zur Wahrheit. Dieser Glaube ist nicht der Feind der Vernunft, sondern seine Leuchte; es ist der Glaube des Christoph Kolumbus und Galilei, der den Beweis und den Gegenbeweis haben will, provando e riprovando, und es ist der einzige, der heute möglich ist.«

 

Für diejenigen, die ihn unwiderruflich verloren haben, und die sind zahlreich – denn das Beispiel ist von oben gekommen, ist der leicht gangbare Weg, den Forderungen des Tages sich fügen, sich in sein Jahrhundert finden, statt dagegen anzukämpfen, sich dem Zweifel oder der Verneinung zu ergeben, sich über alles menschliche Elend und alle künftigen Kataklysmen hinwegzuhelfen mit einem Lächeln der Geringschätzung, und das tiefe Nichts der Dinge – an das allein man glaubt – mit einem glänzenden Schleier zu bedecken, den man ausschmückt mit dem schönen Namen »Ideal« – während man zugleich denkt, dass es nichts ist als eine nützliche Chimäre.

 

Uns jedoch, armen verirrten Kindern, die da glauben, dass das Ideal die einzige Wirklichkeit und die einzige Wahrheit sei inmitten einer schwankenden und fließenden Welt; die da glauben an das ihm innewohnende Schöpferische und an die Erfüllung seiner Verheißungen in der Menschheitsgeschichte wie im zukünftigen Leben; uns, die da wissen, dass diese Schöpferkraft notwendig ist, dass sie der Lohn menschlicher Verbrüderung wie der Daseinsgrund des Universums und die Logik Gottes ist; – uns, die wir diese Überzeugung haben, bleibt nur eines übrig: Verkünden wir diese Wahrheit ohne Furcht und so laut als möglich; werfen wir uns für sie und mit ihr in die Arena der Tat, und trotz des wirren Tumultes versuchen wir durch die Meditation und die persönliche Einweihung einzudringen in den Tempel der unwandelbaren Ideen, um daselbst ausgerüstet zu werden mit den unüberwindlichen Prinzipien.

 

Dies ist, was ich in diesem Buch zu tun versucht habe in der Hoffnung, dass andere mir folgen, die es besser tun werden.

 

Ich möchte gerne den ungekürzten Artikel lesen

 

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