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Kardecismus

 

Der ernstzunehmende Spiritismus ist die Wissenschaft,

die sich auf die Existenz, die Manifestationen und die Lehre der Geistwesen gründet.

 

Als gegen 1850 das Phänomen der »Geistermanifestationen« auftrat, beobachtete »Allan Kardec« (Pseudonym für Hippolyte Léon Denizard Rivail – geboren am 03. 10. 1804 in Lyon und gestorben am 31. 03. 1869 in Paris) diese Erscheinungen mit bemerkenswerter Ausdauer. Er versuchte nicht nur Sinn und Zweck dieser Manifestationen zu ergründen, sondern auch philosophische Folgerungen daraus abzuleiten. Er als Erster erkannte darin das Prinzip neuer Naturgesetze – Gesetzmäßigkeiten, denen die Beziehungen / Wechselwirkung der sichtbaren und einer unsichtbaren Welt unterstehen.

 

Die Lehre von Allan Kardec – der »Kardecismus« – umfasst die spiritualistische Philosophie (zurück bis ins Altertum), den experimentell-wissenschaftlichen und den ethisch-moralischen Bereich des »Okkultismus«, des »Spiritismus«, unter kritischer Einbeziehung des »Mediumismus«. Kardec nutzte also die uralte Erkenntnis, über »Medien« direkt Informationen aus der unsichtbaren geistigen Welt zu erhalten.

 

Während der ersten Jahre des Auftretens spiritistischer Phänomene waren Kundgebungen mehr ein Gegenstand der Neugierde als ein Objekt ernsten Nachdenkens; sein Werk: ”Das Buch der Geister” betrachtete die Sache aus einem ganz anderen Gesichtspunkt. Man verließ die sich drehenden Tische, die nur ein Vorspiel gewesen waren, und man interessierte sich für die »wissenschaftlichen Kernpunkte«.

 

Mit dem Erscheinen des Werkes: ”Das Buch der Geister” war gleichermaßen die »spiritistische Wissenschaft« – der »Kardecismus« – begründet, die bis dahin nur aus zerstreuten Elementen ohne Verbindung bestanden hatte, deren Tragweite nicht von jedermann verstanden werden konnte. Von diesem Augenblick an zog jene Lehre die Aufmerksamkeit auch der ernsten Menschen an. In wenigen Jahren fanden die Ideen zahlreiche Anhänger in allen Schichten der Gesellschaft und in allen Ländern. Zu diesem Erfolg trug weitgehend auch die Kürze, Klarheit, Logik, Anschaulichkeit und Eindeutigkeit bei, ein hervorragendes Merkmal der Schriften Allan Kardec’s.

 

Seine Hauptwerke zum wissenschaftlichen Spiritismus sind:

1.   Das Buch der Geister
      - als philosophischer Teil. (1. Ausgabe 18. April 1857)

 

2.   Das Buch der Medien
      - als experimental-wissenschaftlicher Teil. (Januar 1861)

 

3.   Das Evangelium im Lichte des Spiritismus
      - als ethischer Teil. (April 1864)

 

4.   Himmel und Hölle
      oder die göttliche Gerechtigkeit im Lichte des Spiritismus  –  (August 1865)

 

5.   Genesis - Die Schöpfungsgeschichte,
      die Wunder und Weissagungen im Lichte des Spiritismus  –  (Januar 1868)

 

6.   Der Spiritismus in seinem einfachsten Ausdruck

 

7.   Über das Wesen des Spiritismus

 

8.   „Revue Spirite“, Zeitschrift für psychologische Studien; monatliche Sammlungen, begonnen am 1. Januar 1858.

 

Am 1. April 1858 gründete Kardec in Paris die erste »spiritistische Gesellschaft« unter dem Namen: „Société Parisienne des Etudes spirites“, deren Ziel das Studium all dessen ist, was zum Fortschritt dieser neuen Wissenschaft beitragen kann.

 

In seinem Werk: ”Genesis – Die Schöpfungsgeschichte, die Wunder und Weissagungen im Lichte des Spiritismus” ist im 1. Kapitel: ”Charakter der spiritistischen Offenbarung” unter Punkt 16 nachzulesen:

 

«Genauso wie die Wissenschaft eigentlich das Studium der Gesetze materiellen Ursprungs zum Ziel hat, so ist das spezielle Ziel des Spiritismus die Kenntnis der Gesetze spirituellen Ursprungs; folglich, da dieses letztgenannte Prinzip zu den Naturkräften zählt, wirkt es sich unaufhörlich auf das materielle Prinzip aus und umgekehrt, woraus folgt, dass die Kenntnis des einen ohne die Kenntnis des anderen nicht vollständig sein kann. Spiritismus und Wissenschaft ergänzen einander: die Wissenschaft ist ohne den Spiritismus nicht imstande, gewisse Phänomene allein mit den Gesetzen der Materie zu erklären; dem Spiritismus würden ohne die Wissenschaft Stütze und Kontrolle fehlen. Das Studium der materiellen Gesetze musste dem der Spiritualität vorausgehen, weil es vor allem die Materie ist, die die Sinne beeindruckt. Wäre der Spiritismus vor den wissenschaftlichen Entdeckungen gekommen, wäre er gescheitert, wie alles, was vor seiner Zeit kommt.»

 

Allan Kardec betonte ausdrücklich, nichts unter dem Eindruck vorgefasster Ideen geschrieben zu haben. Als Mann von eher kaltblütigem und ruhigem Charakter hat er die Tatsachen beobachtet und aus diesen Beobachtungen die Gesetze abgeleitet. Er war der erste Theoretiker des Spiritismus und stellte eine methodische Lehre darüber auf. Er bewies, dass die fälschlicherweise ”übernatürlich” genannten Erscheinungen und Tatsachen bestimmten natürlichen Gesetzen unterworfen sind und reihte sie in die Ordnung der Naturerscheinungen ein. Somit zerstörte er den letzten Schlupfwinkel des ”Wunderbaren” und damit eines der stärksten Elemente des Aberglaubens.

 

Einer der fruchtbarsten Grundsätze dieser Lehre ist der Grundsatz von der Vielheit der Existenzen, die schon von sehr vielen alten als auch modernen Philosophen vermutet worden war.

 

Anstatt des Grundsatzes: ”außerhalb der Kirche kein Heil”, der die Trennung und Erbitterung zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen nährt und der in früheren Zeiten so viel Blutvergießen gekostet hat, erhobt der Spiritismus die Wahrheit zum Grundsatz: ”außerhalb der Nächstenliebe kein Heil”, das heisst Gleichheit unter den Menschen vor Gott, Toleranz, Gewissensfreiheit und gegenseitiges Wohlwollen! Anstatt des blinden Glaubens, der die Denkfreiheit vernichtet, sagt er: Es gibt keinen unerschütterlichen Glauben, welcher der menschlichen Vernunft aller Zeitalter ins Auge sehen kann. Der Glaube braucht eine Basis, und diese Basis ist die vollkommene Einsicht dessen, was man glauben soll; um zu glauben, genügt es nicht zu sehen, man muss vor allem verstehen. Der blinde Glaube ist nicht mehr Sache dieses Jahrhunderts; denn gerade das Dogma des blinden Glaubens erweckt heute die größte Zahl der Ungläubigen, weil er sich aufdrängen will und weil er die Hingabe einer der kostbarsten Fähigkeiten des Menschen verlangt: die Vernunft und den freien Willen.


Kurzer Inhalt der Lehre der Geistwesen

 

1. Gott ist die höchste Intelligenz, die erste Grundursache aller Dinge. – Gott ist ewig, einzig, immateriell, unveränderlich, allmächtig, höchst gerecht und gut. Er muss in all seiner Vollkommenheit unendlich sein, denn könnte man ein einziges seiner Attribute für unvollkommen halten, so wäre er nicht mehr Gott.

 

2. Gott hat den Stoff, aus dem die Welten bestehen, geschaffen; ebenso schuf er auch intelligente Wesen, die wir ”Geistwesen” nennen, welche beauftragt sind, die materiellen Welten nach den unwandelbaren Gesetzen der Schöpfung zu verwalten, und welche ihrer Natur nach vervollkommnungsfähig sind. Indem sie sich also vervollkommnen, nähern sie sich Gott.

 

3. Der Geist ist eigentlich das intelligente Prinzip; seine innere Natur ist uns unbekannt; für uns ist er unkörperlich, da er keine Ähnlichkeit mit dem hat, was wir Stoff nennen.

 

4. Geistwesen sind individuelle Wesen; sie besitzen eine ätherische, unwägbare Hülle, Geisterhülle - Perispirit genannt, eine Art fluidischer Körper, den Typus der menschlichen Gestalt. Sie bevölkern die Räume, welche sie mit der Schnelligkeit des Blitzes durchziehen und bilden die unsichtbare Welt.

 

5. Der Ursprung und die Art des Erschaffens der Geistwesen sind uns unbekannt; wir wissen nur, dass sie einfach und unbewusst geschaffen sind, nämlich ohne Wissen und Erkenntnis des Guten und des Schlechten, aber mit einer gleichen Anlage für alles; denn Gott in seiner Gerechtigkeit konnte nicht die einen, damit sie zur Vervollkommnung gelangen, von der Arbeit befreien, welche er den anderen dann auferlegt hätte. Am Anfang sind sie in einer Art Kindheit: ohne eigenen Willen und ohne vollkommenes Bewusstsein ihrer Existenz.

 

6. Indem sich bei den Geistwesen der freie Wille zugleich mit den Gedanken entwickelte, sagte Gott ihnen: „Alle könnt ihr Anspruch auf die höchste Glückseligkeit erheben, wenn ihr nur die Kenntnisse, welche euch fehlen, erworben und die Aufgabe, die ich euch auferlege, erfüllt habt. Arbeitet, denn vorzurücken das ist euer Ziel: das werdet ihr erreichen, indem ihr den Gesetzen, welche ich eurem Gewissen eingeprägt habe, folgt.“ Ihrem freien Willen zufolge nehmen die einen den kürzeren Weg, den des Guten, die anderen den längeren, den des Schlechten.

 

7. Gott hat nicht das Schlechte geschaffen; er hat Gesetze gegründet, und diese Gesetze sind immer gut, weil er selbst in höchstem Maße gut ist. Wer sie treu einhalten würde, der wäre vollkommen glücklich; da die Geistwesen aber ihren freien Willen hatten, haben sie die Gesetze nicht immer befolgt, und das Schlechte ist für sie aus ihrer Unfolgsamkeit entstanden. Folglich kann man sagen, dass das Gute alles das ist, was mit dem Gesetz Gottes übereinstimmt und das Schlechte, was gegen dieses Gesetz ist.

 

8. Um als wirkende Wesen der göttlichen Macht an dem Werk der materiellen Welten mitzuwirken, sind die Geistwesen eine Zeit lang mit einem materiellen Körper bekleidet. Durch die Arbeit, welche ihre körperliche Existenz nötig macht, vervollkommnen sie ihre Intelligenz, und indem sie das Gesetz Gottes einhalten, erlangen sie die Verdienste, welche sie zur ewigen Glückseligkeit führen sollen.

 

9. Die Einverleibung ist dem Geist ursprünglich nicht als eine Strafe auferlegt worden: sie ist für seine Entwicklung und die Vollendung der Werke Gottes nötig, und alle müssen sich ihr unterziehen, gleichgültig, ob sie den Weg des Guten oder den des Schlechten einschlagen, jedoch mit dem Unterschied, dass diejenigen, welche den Weg des Guten nehmen, schneller vorrücken, weniger Zeit brauchen, um das Ziel zu erreichen und mit weniger Mühe hingelangen.

 

10. Einverleibte Geistwesen bilden die Menschheit, welche nicht bloß auf die Oberfläche der Erde beschränkt ist; sie bevölkert alle Welten, mit denen der Raum übersät ist.

 

11. Die Seele des Menschen ist ein einverleibter Geist. Um ihr in der Erfüllung ihrer Aufgaben zu helfen, hat Gott ihr als Hilfsmittel die Tiere gegeben, welche ihr unterworfen sind und deren Verstand und Charakter zu ihren Bedürfnissen in Beziehung stehen.

 

12. Die Vervollkommnung des Geistes ist die Frucht seiner eigenen Arbeit; da er in einem einzigen körperlichen Leben nicht alle moralischen und geistigen Eigenschaften erwerben kann, welche ihn zum Ziel führen sollen, so gelangt er durch eine Reihe von Existenzen dahin; bei jeder macht er einige Schritte vorwärts auf dem Weg des Fortschritts.

 

13. Bei jeder körperlichen Existenz hat der Geist eine seiner Entwicklung entsprechende Aufgabe zu erfüllen; je härter und mühsamer sie ist, desto mehr Verdienst hat er bei seiner Vollendung. So ist jede Existenz eine Prüfung, die ihn dem Ziel näher bringt. Die Anzahl dieser Existenzen ist unbestimmt; es hängt vom Willen des Geistwesens ab, sie abzukürzen, indem er tätig zu seiner moralischen Vervollkommnung beiträgt; ebenso wie es vom Willen des Arbeiters abhängt, welcher eine Arbeit auszuführen hat, die Anzahl der benötigten Tage zu verringern.

 

14. Wenn eine Existenz schlecht geführt wurde, so bleibt sie ohne Nutzen für den Geist, der sie von neuem unter mehr oder weniger mühsamen Bedingungen im Verhältnis zu seiner Nachlässigkeit oder seines schlechten Willens beginnen muss. Ebenso ist es im Leben: man kann am Tag danach gehalten sein, das zu tun, was man am Tag zuvor nicht getan hat.

 

15. Das geistige Leben ist das normale Leben des Geistes: es ist ewig; das körperliche Leben ist vorübergehend und vergänglich: es bildet nur einen Augenblick in der Ewigkeit.

 

16. In der Zeit zwischen seinen körperlichen Existenzen wandelt das Geistwesen; die Dauer ist unbestimmt. In diesem Zustand ist das Geistwesen entweder glücklich oder unglücklich, je nach gutem oder schlechtem Nutzen, den es aus seiner letzten Existenz gezogen hat. Es forscht nach den Ursachen, welche seinen Fortschritt gefördert oder behindert haben, es fasst die Entschlüsse, welche es in seiner neuen Einverleibung zu verwirklichen trachtet und wählt selber die Prüfungen, welche ihm für seinem Fortschritt am geeignetsten erscheinen; aber manchmal irrt es sich oder unterliegt, wenn es als Mensch nicht an den Entschlüssen festhält, welche es als Geist gefasst hat.

 

17. Der strafbare Geist wird in der Geisterwelt mit moralischen Leiden gequält und im körperlichen Leben mit physischen Mühen geplagt. Seine Kümmernisse sind die Folge seiner Fehler, nämlich seiner Übertretung des Gesetzes Gottes, so dass sie zugleich eine Sühne für die Vergangenheit und eine Prüfung für die Zukunft sind. So kann der Hochmütige eine Leben der Erniedrigung, der Tyrann ein Leben der Unterwürfigkeit, der unbarmherzige Reiche ein Leben der Armut haben.

 

18. Es gibt Welten für die verschiedenen Abstufungen des Fortschritts der Geister, wo die körperliche Existenz sehr unterschiedlich ist. Je weniger der Geist vorgerückt ist, desto schwerer und materieller sind die Körper, welche er bewohnt; in dem Maße, in dem er reiner wird, geht er moralisch und physisch in höhere Welten über. Die Erde ist weder die erste, noch die letzte derselben, sie ist aber eine der am wenigsten vorgerückten.

 

19. Schuldige Geistwesen werden in den am wenigsten vorgerückten Welten einverleibt, wo sie ihre Fehler durch die Betrübnisse des körperlichen Lebens aussühnen. Diese Welten sind für sie wahre Fegefeuer, aus welchem herauszukommen es aber von ihnen abhängt, indem sie an ihrem moralischen Fortschritt arbeiten. Die Erde ist eine dieser Welten.

 

20. Da Gott höchst gerecht und gut ist, verdammt er nicht seine Geschöpfe für zeitweise Fehler zu ewigen Strafen. Er bietet ihnen zu jeder Zeit Mittel um fortzuschreiten und das Schlechte, das sie getan haben, zu verbessern. Gott verzeiht, aber er verlangt die Reue, die Verbesserung und die Rückkehr zum Guten, so dass die Dauer der Strafe im Verhältnis zum Verharren des Geistes im Schlechten steht. Folglich wäre die Strafe für denjenigen ewig, der ewig auf dem schlechten Weg verharren würde; aber sobald ein Funken der Reue in das Herz des Schuldigen eindringt, erstreckt Gott auf ihn seine Barmherzigkeit. Mit diesem relativen Begriff und nicht im absoluten Sinn soll man die Ewigkeit der Strafen verstehen.

 

21. Mit der Einverleibung bringen Geistwesen das mit sich, was sie in ihren früheren Existenzen erworben haben; daher kommt es, dass die Menschen instinktmäßig spezielle Anlagen und gute oder schlechte Neigungen zeigen, die ihnen angeboren zu sein scheinen. Die natürlichen schlechten Neigungen sind die Überreste der Unvollkommenheiten des Geistes, von denen er sich noch nicht vollständig gereinigt hat; es sind auch die Andeutungen der Fehler, die er begangen hat und die wahre Erbsünde. Er hat sich bei jeder Existenz von einigen Unreinheiten zu befreien.

 

22. Das Vergessen von früheren Existenzen ist eine Wohltat Gottes, welcher in seiner Güte dem Menschen oft peinliche Erinnerungen ersparen will. Bei jeder neuen Existenz ist der Mensch das, zu was er sich selber gemacht hat. Für ihn ist dies ein neuer Ausgangspunkt; er kennt seine jetzigen Fehler, er weiß, dass diese Fehler die Folge derjenigen sind, welche er vorher besaß und schließt daraus das Übel, welches er begangen hat, und das genügt ihm, um an seiner Verbesserung zu arbeiten. Wenn er früher Fehler hatte, welche er nicht mehr hat, so hat er sich nicht mehr darum zu kümmern; er hat mit seinen jetzigen Unvollkommenheiten genug.

 

23. Wenn also die Seele nicht schon gelebt hat, so sollte sie zur gleichen Zeit mit dem Körper geschaffen worden sein; unter dieser Voraussetzung kann sie keinen Zusammenhang mit denen haben, welche ihr vorangegangen sind. Dann fragt man sich, wie Gott, der höchst gerecht und gut ist, sie für die Fehler des Urvaters des menschlichen Geschlechts verantwortlich machen konnte, indem er sie mit einer Sünde befleckte, welche sie nicht begangen hat. Wenn man jedoch sagt, dass sie bei ihrer Wiedergeburt den Keim der Unvollkommenheiten ihrer früheren Existenzen mitbringt, dass sie in der gegenwärtigen Existenz die Folgen ihrer begangenen Fehler erleidet, so gibt man der Erbsünde eine logische Erklärung, welche ein jeder begreifen und annehmen kann, weil die Seele nur für ihre eigenen Handlungen verantwortlich ist.

 

24. Die Verschiedenheit der angeborenen moralischen und intellektuellen Anlagen ist der Beweis, dass die Seele schon gelebt hat; wenn sie zur gleichen Zeit mit dem jetzigen Körper geschaffen worden wäre, so würde es nicht der Güte Gottes gemäß sein, die einen vorgerückter als die anderen gemacht zu haben. Warum gibt es wilde und zivilisierte Menschen, gute und schlechte, dumme und geistreiche Leute? Wenn man annimmt, dass die einen öfter gelebt und mehr erworben haben, als die anderen, erklärt sich alles.

 

25. Wenn die jetzige Existenz einzig wäre und allein über die Zukunft der Seele für ewig entscheiden sollte, was wäre das Schicksal der Kinder, welche frühzeitig sterben? Da sie weder Gutes noch Böses getan haben, so verdienen sie weder Belohnung noch Strafe. Da dem Worte Christi gemäß jeder nach seinen Werken belohnt wird, so haben sie kein Recht auf die vollkommene Glückseligkeit der Engel, aber auch nicht verdient, derselben beraubt zu sein. Sagt nur, dass sie in einer anderen Existenz das vollenden können, was sie in der, welche abgekürzt wurde, nicht tun konnten, und es besteht keine Ausnahme mehr.

 

26. Von demselben Gesichtspunkt betrachtet, was wäre das Schicksal der Kretinen und Idioten? Da sie kein Bewusstsein des Guten und des Schlechten haben, haben sie auch keine Verantwortlichkeit ihrer Taten. Wäre Gott gerecht und gut, dumme Seelen geschaffen zu haben, um sie einer elenden Existenz auszusetzen und das ohne Vergeltung? Nehmt das Gegenteil an, dass die Seele des Kretinen und des Idioten ein Geist ist, der als Strafe in einem Körper eingeschlossen ist, der untauglich ist, seine Gedanken auszudrücken, gleich einem starken Mann, den Fesseln niederdrücken, und ihr werdet nichts mehr finden, was ein Widerspruch zu der Gerechtigkeit Gottes wäre.

 

27. Da in seinen nacheinander folgenden Einverleibungen der Geist allmählig seine Unreinheiten abgelegt hat und sich durch die Arbeit vervollkommnet, so gelangt er ans Ende seiner körperlichen Existenzen. Dann gehört er der Klasse der reinen Geister oder Engel an und genießt zugleich die vollkommene Anschauung Gottes und ein ungetrübtes und ewiges Glück.

 

28. Da die Menschen zur Buße auf der Erde sind, hat Gott, als ein guter Vater, sie nicht sich selbst ohne Führer überlassen. Zuerst haben sie ihre Schutzgeister oder ihre Schutzengel, welche über sie wachen und sich bemühen, sie auf den guten Weg zu führen. Sie haben ferner die Geister, welche auf der Erde eine Mission haben, erhabene Geister, welche sich von Zeit zu Zeit unter ihnen einverleiben, um durch ihr Wirken den Weg zu beleuchten und die Menschheit zum Vorrücken zu bewegen.

Obwohl Gott sein Gesetz in das Gewissen eingeprägt hat, hat er es für gut befunden, dieses auf eine ausdrückliche Art zu formulieren: er sandte ihnen zuerst Moses; aber die Gesetze Mose waren für die Menschen seiner Zeit angemessen, er sprach zu ihnen nur vom irdischen Leben, von den zeitlichen Strafen und Belohnungen. Christus ist nachher gekommen, um durch eine höhere Lehre das Gesetz Mose zu vervollständigen: die Mehrheit der Existenzen*, das geistige Leben, die moralischen Strafen und Belohnungen. Moses leitete die Menschen durch die Furcht – Christus durch die Liebe zu Gott und ihren Nächsten.
* Evang. Matthäus - 17. Kap, Vers 10 ff ; Johannes - 3. Kap, Vers 3 ff.

 

29. Der Spiritismus ist die dritte auffallende Kundgebung der Macht und Güte Gottes; er beweist die Zukunft durch klare Tatsachen, er sagt mit klaren und unzweideutigen Worten das, was Christus in Parabeln sagte, er erklärt die unbekannten oder falsch gedeuteten Wahrheiten, er entschleiert die Existenz der unsichtbaren Welt oder Geisterwelt und weiht den Menschen in die Geheimnisse des Zukünftigen ein; er kommt, den Materialismus zu bekämpfen, der eine Empörung gegen die Macht Gottes ist, er kommt endlich, um unter den Menschen die Herrschaft der Nächstenliebe und der von Christus angekündigten Solidarität zu begründen. Moses hat geackert – Christus hat gesät - der Spiritismus kommt zu ernten.

 

30. Der Spiritismus ist kein neues Licht, wohl aber ein helleres, weil es an allen Punkten der Erde durch die Stimme derjenigen, welche gelebt haben, aufleuchtet. Indem er das klar macht, was dunkel war, setzt er den irrtümlichen Auslegungen ein Ende und wird die Menschen zu ein und demselben Glauben vereinigen, weil es nur einen einzigen Gott gibt, und weil seine Gesetze für alle dieselben sind. Er kennzeichnet endlich den Anfang der von Christus und den Propheten angekündigten Zeiten.

 

31. Die Übel, welche die Menschen auf der Erde betrüben, haben als Urgrund den Hochmut, den Egoismus und alle schlechten Leidenschaften. Durch den gegenseitigen Einfluss ihrer Laster machen sich die Menschen gegenseitig unglücklich und bestrafen einander. Möge die Nächstenliebe und Demut den Egoismus und Hochmut ersetzen, dann werden die Menschen nicht mehr danach trachten, anderen zu schaden; sie werden die Rechte eines jeden achten und werden unter sich Eintracht und Gerechtigkeit herrschen lassen.

 

32. Aber wie kann man den Egoismus und den Hochmut vernichten, welche dem Herzen des Menschen angeboren scheinen? Egoismus und Hochmut sind in den Herzen der Menschen, weil die Menschen Geister sind, welche von Anfang an dem Weg des Bösen gefolgt sind, und welche als Strafe für eben dieselben Laster auf die Erde verbannt worden sind. Auch da ist es die Erbsünde, welche viele noch nicht abgelegt haben. Durch den Spiritismus macht Gott einen letzten Aufruf zur Ausübung des Gesetzes, welches Christus gelehrt hat: ein Gesetz der Liebe zu Gott und zu den Menschen.

 

33. Da die Erde in der angezeigten Zeit angelangt ist, um ein Aufenthaltsort des Glücks und des Friedens zu werden, so will Gott nicht, dass die bösen einverleibten Geister fortfahren, die Verwirrung zum Nachteil der guten aufrechtzuerhalten; deshalb werden sie verschwinden müssen. Sie werden in weniger vorgerückten Welten ihre Hartnäckigkeit sühnen, wo sie von neuem in einer Reihe von unglücklicheren und mühsameren Existenzen als auf der Erde an ihrer Vervollkommnung arbeiten werden.

Sie werden auf diesen Welten eine neue aufgeklärte Rasse bilden, deren Aufgabe es sein wird, die minder vorgerückten Wesen, welche dieselben bewohnen, mit Hilfe ihrer erworbenen Kenntnisse fortschreiten zu lassen. Sie werden diese Welten nur dann für eine bessere verlassen, wenn sie es verdient haben und so fort, bis sie ihre vollkommene Reinigung erreicht haben. Wenn die Erde für sie ein Fegefeuer war, so werden diese Welten für sie die Hölle sein, aber eine, wo die Hoffnung nie verbannt wird.

 

34. Während die verbannte Generation schnell verschwinden wird, erhebt sich eine neue Generation, deren Glaubensbekenntnisse auf dem christlichen Spiritismus begründet sein werden. Wir wohnen der Übergangszeit bei, einem Vorspiel zu der moralischen Erneuerung, von der der Spiritismus die Ankunft kennzeichnet.

 

Grundsätze aus der Lehre der Geistwesen

 

35. Der wesentliche Zweck des Spiritismus ist die Verbesserung der Menschen; man soll darin nur das suchen, was dem moralischen und intellektuellen Fortschritt helfen kann.

 

36. Der wahre Spiritist ist nicht derjenige, welcher den Äußerungen Gehör schenkt, sondern der, welcher die Lehre der Geistwesen ausführt. Es hilft uns nichts, nur zu glauben, wenn der Glaube uns nicht einen Schritt vorwärts auf dem Weg des Fortschritts machen lässt und uns für unseren Nächsten nicht besser macht.

 

37. Egoismus, Hochmut, Eitelkeit, Ehrgeiz, Habsucht, Hass, Neid, Eifersucht, Verleumdung sind für die Seele giftige Pflanzen, von denen man täglich einige Halme ausreißen muss und welche als Gegengift Nächstenliebe und Demut haben.

 

38. Der Glaube an den Spiritismus nützt nur dem, von dem man sagen kann: heute ist er besser als gestern.

 

39. Die Wichtigkeit, welche der Mensch den zeitlichen Gütern beimisst, steht im entgegengesetzten Verhältnis zu seinem Glauben an das geistige Leben; der Zweifel an die Zukunft ist es, der ihn antreibt, die Befriedigung seiner Leidenschaften, seine Freude in dieser Welt zu suchen, wäre es auch auf Kosten seines Nächsten.

 

40. Die Betrübnisse auf Erden sind die Heilmittel der Seele; sie retten sie für die Zukunft, wie eine schmerzhafte chirurgische Operation das Leben eines Kranken rettet und ihm die Gesundheit wiedergibt. Deswegen hat Christus gesagt: „Glücklich sind die Betrübten, denn sie werden getröstet werden.“

 

41. In eurer Betrübnis blickt unter euch und nicht über euch; denkt an diejenigen, die noch mehr leiden als ihr.

 

42. Verzweiflung ist bei dem natürlich, welcher glaubt, dass alles mit dem Leben des Körpers endet; sie ist aber barer Unsinn für den, der Zutrauen in die Zukunft setzt.

 

43. Der Mensch ist oft auf Erden der Urheber seines eigenen Unglücks; er kehre lieber zur Quelle seiner Missgeschicke zurück, und er wird sehen, dass sie meistens nur die Folge seiner Unvorsichtigkeit, seines Hochmuts und seiner Habgier und folglich seiner Übertretung der Gesetze Gottes sind.

 

44. Das Gebet ist ein Akt der Anbetung. Zu Gott beten heißt, an ihn denken, sich ihm nähern, mit ihm in Kontakt treten.

 

45. Der, der inbrünstig und mit Zutrauen betet, ist gegen die Versuchungen des Übels stärker, und Gott schickt ihm gute Geistwesen, um ihm beizustehen; es ist eine Hilfe, die nie versagt ist, wenn sie mit Aufrichtigkeit verlangt wird.

 

46. Das Wesentliche ist nicht viel zu beten, sondern gut zu beten. Gewisse Leute glauben, dass der ganze Verdienst in der Länge des Gebets liegt, während sie bei ihren eigenen Fehlern ihre Augen schließen. Das Gebet ist für sie eine Beschäftigung, ein Zeitvertreib, aber nicht eine Durchforschung ihres eigenen Wesens.

 

47. Der, der Gott darum bittet, begangene Fehler zu verzeihen, dem wird Gott nur dann verzeihen, wenn er sein Betragen ändert. Die guten Handlungen sind das beste Gebet; denn die Taten gelten mehr als die Worte.

 

48. Das Gebet wird von allen guten Geistwesen empfohlen. Es wird überdies von allen unvollkommenen Geistwesen als Hilfsmittel gewünscht, um ihre Leiden zu erleichtern.

 

49. Das Gebet kann nicht die Beschlüsse der Vorsehung ändern, aber wenn die leidenden Geistwesen sehen, dass man an ihrem Schicksal Anteil nimmt, fühlen sie sich weniger verlassen, sie werden weniger unglücklich; das Gebet ermuntert sie, erweckt in ihnen den Wunsch, sich durch Reue und Aussöhnung zu erheben und es kann sie von Gedanken an das Übel abwenden. In diesem Sinn kann es ihre Leiden nicht nur erleichtern, sondern auch abkürzen.

 

50. Bete jeder nach seiner Überzeugung und nach der Art, wie er es am passendsten findet, denn die Form ist nichts, der Gedanke alles; die Aufrichtigkeit und Reinheit des Beweggrundes ist das Wesentliche. Ein guter Gedanke ist mehr wert als zahlreiche Worte, welche dem Lärm einer Mühle ähnlich sind und nicht von Herzen kommen.

 

51. Gott hat starke und mächtige Menschen gemacht, damit sie die Stütze der Schwachen seien. Der Mächtige, welcher den Schwachen unterdrückt, ist von Gott verdammt. Er bekommt oft die Strafe dafür in diesem Leben, ohne der Zukunft vorzugreifen.

 

52. Reichtum ist ein anvertrautes Gut, dessen Besitzer nichts als der Nutznießer ist, da er es nicht mit sich ins Grab nimmt; er wird eine strenge Rechnung von dem Gebrauch ablegen müssen, welchen er davon gemacht hat.

 

53. Ein Vermögen gibt eine gefährlichere Prüfung als die Armut, weil es eine Versuchung zum Missbrauch und zu Ausschweifungen ist, und weil es schwerer ist, mäßig zu sein als ergeben.

 

54. Der Ehrgeizige, welcher stolziert und der Reiche, welcher sich an materiellen Genüssen weidet, sind mehr zu bedauern als zu beneiden; denn man muss die Kehrseite berücksichtigen. Durch die schrecklichen Beispiele von denjenigen, welche gelebt haben und welche kommen, um uns ihr Schicksal zu entschleiern, zeigt der Spiritismus die Wahrheit des Wortes Christi: „Wer sich erhöht wird erniedrigt, und wer sich erniedrigt wird erhöht werden.“

 

55. Die Nächstenliebe ist das höchste Gesetz Christi: „Liebet einander wie Brüder; – liebet euren Nächsten, wie euch selbst; – verzeiht euren Feinden; – tut nicht einem anderen, was ihr nicht wollt, dass man euch tue“, all dieses wird in das Wort »Nächstenliebe« gefasst.

 

56. Die christliche Liebe besteht nicht allein in Almosen, denn es gibt ein Christenliebe in Gedanken, Worten und Handlungen. Derjenige übt die christliche Liebe in Gedanken, welcher nachsichtig mit den Fehlern seines Nächsten ist; – mit Worten, wer nichts sagt, was seinem Nächsten schaden kann; - durch Handlungen, wer seinem Nächsten nach eigenen Kräften beisteht.

 

57. Der Arme, der sein Stück Brot mit einem Ärmeren teilt, als er es ist, übt christliche Liebe besser und hat mehr Verdienst in den Augen Gottes als der, der von seinem Überfluss gibt, ohne sich etwas zu versagen.

 

58. Wer gegen seinen Nächsten Gefühle der Erbitterung, des Hasses, der Eifersucht und des Grolls nährt, unterlässt die Christenliebe; er lügt, wenn er sich als ”Christ” bezeichnet und er beleidigt damit Gott.

 

59. Ihr Menschen aller Kasten, aller Sekten und aller Farben, ihr seid alle Brüder; denn Gott ruft euch alle zu sich. Reicht euch also die Hand, wie auch eure Art sei ihn anzubeten und flucht nicht gegeneinander; denn der Fluch ist die Übertretung des Gesetzes der Liebe, das Christus verkündete.

 

60. Aufgrund ihres Egoismus sind die Menschen immer in fortwährendem Streit; mit der Nächstenliebe werden sie im Frieden leben. Allein die Nächstenliebe kann also, indem sie die Grundlage ihrer Institutionen bildet, ihr Glück in dieser Welt fördern; nach den Worten Christi kann sie allein auch ihr künftiges Glück sichern, denn sie enthält in sich alle Tugenden, welche die Menschen zur Vervollkommnung führen können. Mit der wahren Nächstenliebe, wie Christus sie gelehrt und geübt hat, gibt es keinen Egoismus, keinen Hochmut, keinen Hass, keine Eifersucht, keine Verleumdung mehr, wie auch keinen übertriebenen Hang zu den Gütern dieser Welt. Deswegen trägt der christliche Spiritismus als Motto: „Ohne Nächstenliebe kein Heil.“

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